Länderbeispiele

Adivasi und Industrialisierung in Indien

Indien, Bundesstaat Orissa, Distrikt Sundargarh,Rourkela (an der Grenze zu Jharkhand)

Betroffene Adivasi-Gemeinschaften:
Oraon, Munda, Kharia, Bhumji, Kolha und Kisan

Ein vom Stahlwerk Rourkela betroffener Adivasi:
Die dikus (= Nicht-Adivasi) wollen einem jungen Reh einen Schlegel herausreißen und es dann verenden lassen. Ist das recht? Einem Elefanten den Rüssel abhacken und ihn dann verbluten lassen. Ist das recht? Den Pfeil im Körper des wilden Ebers stecken lassen, dass er bis zum nächsten Sonnenaufgang brüllt und dann stirbt. Ist das recht? Der Taube die Federn ausreißen und zusehen, wie sie langsam krepiert. Ist das recht?
Aus: Stimmen der Adivasis, Bonner Siva Series, 2001.

Über z.T. Jahrtausende hatten sich Angehörige der Oraon, Munda, Kharia, Bhumji, Kolha und Kisan in die Bergregion um Rourkela (Unionsstaat Orissa) zurückgezogen. Sie lebten vom Ackerbau und den Früchten des Urwalds. Heute ziehen dort düstere Rauchschwaden über riesige Slumsiedlungen, verschmutzen Chemikalien und Schmiermittel den Fluss. Der einst dichte Urwald ist verschwunden, aus dem Dorf Rourkela mit deutscher Unterstützung eine Industriestadt geworden. In den 1990er Jahren wurde das Stahlwerk Rourkela mit deutscher Unterstützung modernisiert. Es gilt als Erfolgsprojekt der Entwicklungszusammenarbeit zwischen Indien und Deutschland.


Indien (Basisdaten)

3.287.263 qkm – Bevölkerung insgesamt: über 1 Milliarde, mehrheitlich Hindus, etwa 80 Millionen Angehörige indigener Völker (Adivasi = ‚erste Bewohner'; über 400 verschiedene ‚Stämme'; sog. "scheduled tribes"); etwa 160 Millionen Dalits ("scheduled castes", auch: Unberührbare). Die Adivasis leben vor allem in Zentral- und Ostindien; sowie kleinere Sprengsel auf dem gesamten Subkontinent. Etwa 80% der indischen Bevölkerung lebt auf dem Land, zunehmende Urbanisierung.

Politische und wirtschaftliche Charakteristika

Die "größte Demokratie der Welt"; zwei Parlamentskammern, Staatspräsident und Premierminister; unabhängige Gerichtsbarkeit, freie Presse.

Beschleunigte Umstellung von Agrarproduktion (ca. 60% der Erwerbstätigen) auf Industrie und Dienstleistungen. Die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und deren Verarbeitung (Kohle, Erz etc.) wurde seit den 1990er Jahren liberalisiert bei zunehmender Konkurrenz durch Rohstoffimporte. Die Adivasi haben an dieser Entwicklung kaum Anteil und werden vielfach nur als Störfaktor angesehen.

Politische und rechtliche Stellung der betroffenen Indigenen

Die "Scheduled Tribes" (und "Scheduled Castes") geniessen besonderen Schutz durch die Verfassung und spezieller Gesetze; z.B. Quoten für die Besetzung öffentlicher Ämter und Studienplätze entsprechend des Bevölkerungsanteils. Indien ratifizierte die ILO-Konvention 107. Diverse zivilgesellschaftliche Initiativen arbeiten zu Menschenrechten und zum Schutz von Minderheiten und indigenen Völkern. Die nationale Menschenrechtskommission hat eine schwache Position.

Fall Rourkela

Betroffene indigene Völker

Oraon, Munda, Kharia, Bhumji, Kolha und Kisan; mit unterschiedlichen Sprachen

Einzelheiten

1958 begannen die Bauarbeiten für eines der modernsten Hüttenwerke der damaligen Zeit. Die Bundesrepublik Deutschland finanzierte mit über einer Milliarde Mark den Aufbau, an dem sich 35 Firmen unter Leitung von Krupp und Mannesmann beteiligten. Die Behörden enteigneten 32 Dörfer, 16 davon wurden völlig zerstört. Fast 16.000 Adivasi mussten zwangsweise umsiedeln. Sie wurden ohne Rücksicht auf ihre Stammeszugehörigkeit in neue Siedlungen gepfercht. Entwurzelt und ohne Aussicht auf Beschäftigung versanken viele in Apathie.

Neue Landnahmen für das Werk erfolgten, z.B. für ein Kühlwasserreservoir (Mandira-Damm; heute als Attraktion für Touristen angepriesen). Ebenso führte die Ansiedlung weiterer Industrien in der Nachbarschaft zur Vertreibung; mit unzureichender oder ohne Entschädigung für die Adivasi.

Laut Quotengesetz sollte ab den 1970er Jahren ein Viertel der Arbeitsplätze im Stahlwerk von Adivasis besetzt werden. Diese Zahl wurde bislang allenfalls bei ungelernten Arbeitskräften erreicht. Bei Fach- und Vorarbeitern oder höheren Angestellten beträgt der Anteil der Adivasi aktuell nur vier Prozent, deutlich niedriger als vorgeschrieben. Die Modernisierung mit deutscher Unterstützung in den 1990er Jahren führte zu automatisierten Arbeitsabläufen und einem verstärkten Abbau vor allem der ungelernten Arbeitskräfte.

Gravierende Umweltbelastungen und Verschlechterungen im sozialen Leben kamen für die Adivasi hinzu; vgl. die Berichte der Steyler Mission, die in Rourkela seit Jahrzehnten tätig ist.

Laut Projektkurzbeschreibung der KfW zur Modernisierung des Hüttenwerks Rourkela wird über flankierende Maßnahmen zugunsten der Adivasis (Wasserversorgung, Gesundheit, Bildung, Infrastrukturverbesserung etc.) derzeit diskutiert. Die KfW war nicht gewillt, dazu nähere Auskünfte zu erteilen.

Deutsche Beteiligung

Die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW); Firmenkonsortium unter Leitung von Krupp und Mannesmann

Verletzte Menschenrechte

Das „Entwicklungsprojekt" Rourkela hat die Lebensbedingungen und Überlebenschancen der Adivasis verschlechtert. Es war auch nicht dafür konzipiert. Entwicklungsmöglichkeiten aus eigenen Ressourcen haben sie in der Region Rourkela nicht mehr. Konsultations- und Partizipationsverfahren außerhalb des gewerkschaftlichen Verbunds sind nach jetzigem Kenntnisstand allenfalls marginal eingesetzt worden.

Berichterstatter
(Organisation und Kontakt)
Dr. Johannes Laping
Adivasi-Koordination e.V.
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